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Dokumentationsarchiv zur Erforschung der Geschichte des Funkwesens
und der elektronischen Medien
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Der Deutsche Freiheitssender 904

Infrastruktur
Programm
Reaktion
Das Ende
Historische Bewertung, Literatur & Quellen

Infrastruktur des DFS 904

Aufbau, Ausstattung und Organisation des DFS 904 von 1956-1971

Schon am Abend des 17. August 1956, dem Tage des KPD-Verbotsurteils des Bundesverfassungsgericht, startete der DFS 904 mit einer ersten Sendung. Mit einer kurzen Vorlaufzeit in der Planung des Senders meldete sich die „Stimme der KPD“ als der „einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht“ von nun an regelmäßig im Äther, um seine Sicht der politischen Dinge zu verbreiten. Daß dies tatsächlich jedoch vom Staatsgebiet der DDR aus erfolgte, konnte nur kurz geheim gehalten werden, wurde aber von der DDR nie offiziell bestätigt. Schnell deckten westdeutsche Behörden und die Presse die Sendeanlagen Burg bei Magdeburg als Ausstrahlpunkt des DFS 904 auf. Schon in finanzieller und technischer Hinsicht war die „kleine“ KPD von der „großen“ SED abhängig, um den Betrieb eines leistungsstarken Senders aufrecht erhalten zu können.

 Die Entstehungsphase des Senders 1956: Aufbau, Ausstattung, Zielsetzung

Der konkrete Planungsbeginn für den Sender 904 läßt sich nicht mehr genau feststellen. Heinz Priess, langjähriger Chefredakteur des DFS 904, erinnert sich in seiner Autobiographie jedoch an den Umstand, der ihn zum Sender brachte. Anfang August 1956 wurde Priess ins ZK der SED einbestellt, wo er Herrmann Matern (1893-1971) treffen sollte.[1] Matern, geboren in Burg bei Magdeburg, trat 1914 aus der SPD aus und schloß sich den Kommunisten an. In der Weimarer Republik übte er diverse Funktionärstätigkeiten für die KPD auf regionaler Ebene aus und wurde 1932/33 Mitglied des Preußischen Landtages. Von den Nationalsozialisten verfolgt, flüchtete Matern bis 1941 durch verschiedene europäische Länder, um schließlich um 1941 nach Moskau überzusiedeln, wo er Mitglied im Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) wurde. Ab 1945 war er dann zuerst wieder auf Regionalebene tätig, bevor er 1950 ins Politbüro der SED kam, dem er bis zu seinem Tode angehörte.[2]

Matern war es, der Priess den Politbürobeschluß zur Installierung eines Radiosenders mitteilte, um die Agitation und Propaganda der KPD vor Ort ersetzen zu können. Dies bedeutete, daß die SED wohl schon vor Anfang August von einem wahrscheinlichen Verbot der KPD in der BRD ausgegangen war. Ein von Priess beschriebener Politbürobeschluß der SED ließ sich jedoch nicht auffinden[3]. Die Marschrichtung gab Matern jedoch in dem zehnminütigen Gespräch unmißverständlich vor: Elf Jahre nach Beendigung des Naziregimes werde nun die KPD wiederum verboten. Dies sei auch als Schlag gegen die DDR zu werten und  erfordere deshalb die Klassensolidarität mit den Genossen der KPD in der BRD. Der wichtigste Punkt sei dabei die Ersetzung der Propaganda und Agitation vor Ort durch einen konspirativen Sender, ein Grund, warum beim Gespräch auch das PB-Mitglied der KPD Oskar Neumann zugegen war[4]. Er sollte in der ersten Zeit die Grundlinie der KPD bei Redaktionssitzungen darlegen.[5] Eine weitere Personalfrage wurde ebenso direkt durch Matern vorgegeben: In der Anfangsphase sollte Rudi Singer (1915-1980), den Sender „provisorisch“ leiten. In seiner Zeit als Chefredakteur des Senders mußte Singer seine vorherige Chefredakteurstelle bei der Freiheit in Halle ruhen lassen, nahm diese dann von 1958 bis 1963 wieder auf. Ab 1963 war er dann Leiter der Abteilung Agitation des ZK der SED und stellvertretener Vorsitzender der Agitationskommission beim PB. Von 1966 bis 71 bekleidete er das Amt des Chefredakteurs beim Neuen Deutschland (ND). Singer, der ab 1967 Mitglied des ZK war, übernahm schließlich ab 1971 den Vorsitz des Staatlichen Rundfunkkomitees. 

Priess bekam am Ende des kurzen Gesprächs mit Neumann und Matern die Order, sich bei der Abteilung Agitation der Westabteilung zu melden, wo ihm nähere Informationen mitgeteilt würden. Daß Priess und Singer für neue Aufgaben eingeplant wurden, deckt sich auch mit den Akten des ZK der SED, Abteilung Agitation, wenn auch nicht vom DFS 904 gesprochen wird. In einer Beratung der Abteilungsleitung vom 31.Mai wurde über die neue Redaktion des ND gesprochen und ein PB-Beschluß vom vorgehenden Tage erläutert, der Singer von einer Beschlußfassung ausnimmt. Auch auf ein mit Max Reimann am gleichen Tag geführtes Gespräch wird Bezug genommen, in welchem Reimann darauf hinwies, daß der „Gen. Singer und auch in Kürze die Genossen Priess und Perk nach Westdeutschland gehen.“[6]

Priess meldete sich also in der Westabteilung, wo er von Max Spangenberg (1907-1987) näher instruiert wurde. Spangenberg, ebenfalls ein Spanienkämpfer und in der DDR seit 1954 stellvertretender Abteilungsleiter bzw. Leiter des Arbeitsbüros der Westkommission des PB des ZK der SED[7], beauftragte Priess, eine Redaktion und ein Sendeschema zusammenzustellen. Geld spiele dabei weniger eine Rolle, ließ Spangenberg wissen, ohne jedoch Beträge zu nennen. Jedoch lagen die Gehälter beim Sender in der Anfangsphase wohl deutlich über dem DDR-Durchschnittsgehalt. Priess bekam weiterhin sein Intendantengehalt von 2000 Mark, eine Cutterin sollte 900 Mark monatlich, ein Redakteur 1000 Mark bekommen. Im Vergleich dazu bekam in den 80er Jahren ein mit gleichen Aufgaben betreuter Mitarbeiter beim DDR-Rundfunk als Anfangsgehalt nur 700 Mark, so Priess.[8] Unterlagen der  SED ZK-Abteilung Verkehr- und Verbindungswesen können die relativ hohen Gehälter beim DFS 904 bestätigen. Im Jahresplan von 1957 wird ein Gesamtdurchschnittslohn von 543 Mark beim staatlichen Rundfunk angegeben.[9]

Priess dachte laut eigener Erinnerung bei diesem Auftrag „sofort“ an den „Soldatensender-Calais“, der im Zweiten Weltkrieg mit Jazz und Big-Band-Sound, sowie frechen und lässigen Sprechern mit großer Wirkung Informationen bei den deutschen Landsern einschleuste und suchte daher auch besonders nach Sprechern mit westdeutschem Akzent, um einen Sendestandort des DFS 904 in der BRD besser vortäuschen zu können.[10]

Die Aufgabenstellung des Senders wurde schon durch die allgemeine Vorgabe seitens Materns gegenüber Priess beim Gründungsgespräch deutlich. Präzisiert durch das ZK der SED und den eigenen Vorstellungen der KPD-Führung wurde diese Grundaufgabenstellung während der gesamten Sendezeit des DFS 904 beibehalten. Priess selbst sah den Sender zwar als „Stimme der KPD“, aber die Sendungen sollten nicht nur als solche gesehen werden, sondern vielmehr als eine „oppositionelle Stimme in der bundesdeutschen Landschaft gelten“.[11] Die Ansage erläuterte dies allabendlich: „Hier ist der Deutsche Freiheitssender 904! Der einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht.“ Aus der Endphase des Senders sind Dokumente erhalten geblieben, die zeigen, daß das Ziel, die vermeintliche Wahrheit in die Bundesrepublik zu tragen, bis zum Ende aufrecht erhalten wurde. In einer Vorlage für das PB der KPD hieß es am 24.11. 1968, daß man trotz vorangegangener DKP-Gründung daran glaubte, die BRD würde auch ohne polizeiliche Mittel eine legale Verbreitung kommunistischer Druckerzeugnisse verhindern zu wissen. Die fehlenden „Millionengelder“ erschwerten zudem die massenwirksame Verbreitung, so daß nur die Avantgarde der Arbeiterklasse erreicht werden konnte. Daher beschrieb die Vorlage, die aus der Sendeleitung stammte, den Rundfunk weiterhin als einzige Möglichkeit, die Masse der westdeutschen Arbeiter zu erreichen und unterstrich somit die weiterhin geltenden Bedingungen, die 1956 zur Gründung des DFS 904 führten. Zudem bestehe noch der Vorteil, daß nicht erst abonniert werden muß, um kommunistische Gedanken nach Hause zu bekommen:


„Der Funk ist darum geeignet, größere Kreise anzusprechen, schneller zu reagieren und unmittelbarer zu wirken. Wahrscheinlich hat jede Funksendung mehr Hörer, als alle unsere Zeitungen zusammen an Lesern haben. Es steht nicht die Frage „Zeitung oder Funk“, vielmehr ist der Funk die Ergänzung und Untermauerung für das Wirken der Parteipresse. Die Aufgabe und die Rolle des Deutschen Freiheitssenders 904 in der gegenwärtigen Periode besteht darin, als Sender, der sich gegen die Politik des Militarismus und Imperialismus in der Bundesrepublik, gegen den Abbau der demokratischen Freiheiten und gegen die Ausbeutung der Arbeiterklasse wendet, durch Argumente, Fakten und Kommentare die Politik unserer Partei massenwirksam zu verbreiten. Die Erfahrungen der Funkarbeit zeigen, daß besonders bei zugespitzten Situationen, sowohl international also auch im Land selbst, der Sender zum wirksamsten (weil schnellsten) Informations- und Kommunikations-Instrument wird. Das trifft besonders bei verschärften Klassenauseinandersetzungen, bei Streiks und Demonstrationen, sowie bei Polizeimaßnahmen oder militärischen Konflikten zu. In diesen Fällen ist der Sender nicht nur Agitator, sondern ein Mittel der Mobilisierung und Anleitung. Der Sender kann schließlich, da er ohne Verbotsdrohung arbeiten kann, durch Enthüllungen, die von DDR-Sendern nicht gebracht werden können, ein wirksames Instrument der antibonner Politik sein. Die Aufgabe des Senders besteht also in erster Linie darin, den Massenmedien der herrschenden Kräfte in der Bundesrepublik entgegenzuwirken und den politisch-ideologischen Kampf unserer Partei zu unterstützen. Er muß in dieser Funktion eine wichtige Lücke sowohl in der täglichen Agitation als auch in der vor uns stehenden ideologischen Auseinandersetzung schließen."[12]


 

Da eine solche Aufgabenstellung nicht durch eine mobile Sendeanlage in der Bundesrepublik umzusetzen war, aber trotzdem der Anschein erweckt werden sollte, aus dem bundesrepublikanischen Untergrund zu senden, schwieg man sich über den Sendestandort während der gesamten Lebensdauer des Senders aus. In einer dem Verfasser vorliegenden, nicht datierbaren Stationsansage meldete man sich ironisch mit: „ Hier ist der Deutsche Freiheitssender 904. Standort: Links von Bonn!“

Die Infrastruktur des Senders 1956-1971

Der tatsächliche Sendestandort war Reesen bei Burg in der Nähe von  Magdeburg. Über einen der beiden Sendemasten wurde 904 dazugeschaltet, um durch Grenznähe und günstiger Ausbreitung nach Norden und Süden von Westdeutschland das Zielpublikum gut erreichen zu können. Vom Sendestandort war dies eine gute Ausgangslage, jedoch hätte man dazu auch eine störungsfreie Frequenz benötigt. Anfangs benutze man die exakte namensgebende Frequenz von 904 kHz, wanderte aber in den Jahren auf etwa 908 kHz, was aber bei den damaligen Empfangsgeräten nicht weiter auffiel. Ursprünglich war die Frequenz dem sowjetischen Sender Radio Wolga zugeteilt, der Sendungen für ein „Hilfskomitee zur Rückführung russischer Emigranten in die Heimat“ ausstrahlte, aber schon seit längerer Zeit außer Betrieb war. Insgesamt stand eine recht starke Sendeleistung von 250 kW zur Verfügung, die allerdings durch starke Interferenzen der Nachbarkanäle beeinträchtigt wurde. 904 quetschte sich regelrecht zwischen  den Sender Mailand sowie die BBC-London und begrenzte dadurch eine bei ähnlicher Sendeleistung zu erzielende Reichweite erheblich.[1] In westdeutschen Rundfunk-Fachzeitschriften wurde immer wieder von einer Abschirmung gesprochen, die DDR-Techniker installiert hätten, um den Empfang in der DDR unmöglich zu machen.[2] Vermutlich gab es durchaus Überlegungen, eine solche Abschirmung zu installieren, technisch ließ sich diese jedoch nicht realisieren. Die Sendeanlage des DFS 904 bestand aus zwei Rohrmasten, wobei der westliche Mast als Strahler und der dahinter stehende als Reflektor benutzt wurde. Bei einer Leistung von 250 kW ließ sich jedoch keine „Dämpfung“ in Richtung DDR realisieren,[3] was auch die vielen Zuschriften aus der DDR bezeugten, die der Sender bekam, als er Ende der 60er Jahre ein Postfach einrichtete.


Betriebstagebuch Sendeanlage Burg, 17. August 1956

 

 

Als Studio stand dem Sender immer eine Einrichtung des Staatlichen Rundfunks der DDR zur Verfügung, von dort kamen auch die Technikerinnen und Techniker zum Sender, die nicht der KPD, sondern ausschließlich der SED angehörten.[4]  Die ersten Sendungen kamen noch aus dem Hauptgebäude des DDR-Rundfunks in der Nalepastraße in Berlin. Das Sendestudio nahm sein erstes festes „Gast-Domizil“ daraufhin in Grünau ein, auf einem Gelände eines Ausweichstudios des DDR-Rundfunks, wo auch die technischen Gerätschaften schon

Grünau, Regattastrasse (Gebäude wurde auch von der "Gesellschaft für Sport und Technik" genutzt)

 

vorhanden gewesen waren.[5] 1957 wurde jedoch das „Versteck“ immer bekannter, ein weiterer Umzug stand an, um die Konspiration wahren zu können. Selbst die BRD-Presse erhielt später den Hinweis auf den genauen Standort des Sendestudios:

                        Regattastrasse 277, Berlin-Grünau.[6]

Da war die Redaktion jedoch schon wieder umgezogen, diesmal nach Friedrichshagen, wo man sich in einem Waldstück heimlich in einer Villa einrichtete. Diese war eine ehemalige Ausbildungsschule des DDR Rundfunks, deren Gelände auch von der Volkspolizei genutzt wurde. Erst Mitte der 60er Jahre bekam der Sender ein eigenes Domizil, für damalige Verhältnisse großzügig in Anwesen und Studiotechnik ausgestattet. Diese letzten Jahre verbrachten die Redaktion und das Sendestudio in Bestensee bei Königs-Wusterhausen, auf einem abgeschirmten Gelände direkt am See (dem sog. "Seechen").[7]

Villa in Bestensee

Studio innen

 

Redaktion / Gelände Bestensee

Ohne Hilfe der SED war also gar nicht an einen Aufbau eines Geheimsenders zu denken gewesen, schließlich hatte die KPD keinerlei technische Ausrüstung zur Verfügung. Auch das technische Know-how kam von SED-Seite, so daß sich am Sender eine Organisationsstruktur gemischt aus KPD und SED herausbildete.

  

Konspiration als Grundverständnis und ihre Umsetzung

 

Die SED half ihrer Schwesterpartei auch bei Umsetzung der Konspiration im Alltag. Neben der zuvor erwähnten Verschleierung der Produktionsstätten sollte auch die offizielle Betätigung der Beteiligten in der DDR verschleiert werden, um den Status eines Geheimsenders aufrecht erhalten zu können.

Die offizielle Anstellung der Mitarbeiter des Senders erfolgte daher auch unverfänglich bei der SED ZK-Abteilung Verkehr – und Verbindungswesen. Von dort kamen auch die Gehälter am Monatsende, immer in Form von Bargeld in einem Umschlag.[19]

Konkrete Konspirationsmaßnahmen prägten die Situation am Standort des Studios vor Ort. Immer wieder wurden den Mitarbeitern Vorschriften zur Geheimhaltung des Standortes eingeschärft. Selbst das Privatleben der Mitarbeiter hatte sich nach konspirativen Regeln zu richten. Oberstes Gebot war die „Schweigepflicht über die Tätigkeit für alle, auch gegenüber den engsten Familienangehörigen hin, auch gegenüber staatlichen Organen der DDR hin. Was in dieser Beziehung zu regeln ist, geht über die Leitung des Hauses.“[20] Im vorgefundenen Dokument ist selbst der Standort nicht festgehalten, statt dessen wird nur der Begriff „Objekt“ für den Standort Regattastraße und  „Neues Objekt“ für Berlin-Friedrichshagen verwendet. Den Mitarbeitern war es untersagt, sich in der Nähe des Standortes vom S-Bahnhof (gemeint ist wahrscheinlich der S-Bahnhof Friedrichshagen) von Verwandten und Bekannten abholen zulassen, bzw. sich mit diesen dort vor oder nach der Arbeit zu verabreden. Vor diesen durfte auch nichts über die Arbeit verlautbart werden, auch nicht auf indirekten Wege, z.B. durch Bestätigung auf eine Frage hin: „Nicht Bestätigung für Dinge geben – auch nicht in der Form: du weißt ja, ich brauche nichts zu sagen, kannst Dir ja vorstellen.“ Telefonate aus dem Objekt durften nur im Ausnahmefall geführt werden, auch wenn eine direkte Telefonkontrolle mit Belegzetteln nicht eingeführt wurde. Über Sendemanuskripte sollte ebenso nicht allzu laut diskutiert werden, wie mit weiteren Angestellten des Objekts über inhaltliche Dinge der Sendungen. In allem hatte der konspirative Grundsatz zu gelten: „Sage es dem, der es wissen muß und nicht dem, der es wissen könnte.“[21] Nachweislich ab 1962 werden stärker Decknamen zur Verschleierung der richtigen Identität eingesetzt, zuvor waren Mitarbeiter mit dem Vornamen genannt worden. Das Kollektiv nannte sich als ganzes mit dem Namen „Valentin“. Heinz Priess ist „Robert“, Erich Glückauf nannte sich je nach Funktion im Sender oder bei der KPD zuerst „Rüdiger“, später auch „Thomas“.[22] Begründet wird dies immer wieder mit dem Selbstverständnis und der Aufgabenstellung des Senders: 

 


„Wir sind keine normale Parteieinheit wie im Sinne eines volkseigenen Betriebes in der DDR oder sonst einer Parteieinheit im legalen Rahmen. Wir sind auf einen Posten gestellt – und das scheint bei uns manchmal etwas verloren zu gehen – wir haben eine politische Schlüsselposition in der Agitationsarbeit unserer Partei. Das ist auch die Einschätzung unseres Zentralkomitees. Und alle Genossen, die aufmerksam die Zusammenarbeit zwischen uns und dem Politbüro verfolgen, werden merken, daß seit langer Zeit das Politbüro und das ZK unserer Partei uns in jeder Beziehung eine große Unterstützung geben. Wir stehen in der vordersten Linie des Parteikampfes mit den besonderen Umständen. Im Hitlerfaschismus mußte man dies vom Ausland aus machen. Wir sind heute in der DDR eine illegale Institution in einem legalen Rahmen auf dem Boden der DDR. Wenn wir auch illegal wären, der dauernden Verhaftungen, der dauernden Sicherungen des Objekts ausgesetzt usw. ausgesetzt würden, dann würden wir uns heute nicht mit Nachtzuschlägen, mit übergroßer Männerfreundlichkeit von Frauen zu befassen haben. Wir haben uns damit zu befassen, wie wir uns enger zusammenschließen, um unsere großen Aufgaben zu erreichen. [...]“[23]


 

 Sendestudio Friedrichshagen zu Berlin

Konspiration am Sender sei nur die „reale Einschätzung der Ziele und Absichten des Gegners“, über die man vorgab, im Bilde zu sein.[24] Allerdings kann auch der Verdacht geäußert werden, die konspirativen Vorgaben seien nur aus Gründen der Personalführung in diesem extremen Maße propagiert worden. In der Anfangsphase hatte eine gewisse Konspiration durchaus Sinn. Die meisten der Mitarbeiter beim Sender wurden mit Haftbefehl in der BRD gesucht. Um bei einer illegalen Rückkehr und einer möglichen Verhaftung nicht zusätzlicher Vergehen und Straftaten schuldig zu sein, war eine Verschleierung durchaus sinnvoll. Allerdings hatten diejenigen, die sich für länger in der DDR einrichteten, nichts dergleichen zu befürchten. Der Redaktionsalltag, der schnell einzog, konnte daher auch gut mit Mitteln der Konspiration gesteuert werden und so die Linie der KPD wirksamer umgesetzt werden. Nach dem weiteren Umzug nach Bestensee, wo ein angeblich härteres Klima herrschte[25], was Programm und Umsetzung der Parteilinie betraf, war ein Einstellkriterium für eine Tätigkeit Ende 1968 ein „legaler Status“ in Westdeutschland, damit der Genosse auch ohne weiteres für Zwecke in Westdeutschland eingesetzt werden konnte. Unklaren Fällen bezüglich des Status in der BRD wurde eine Parteimitgliedschaft in der SED nahegelegt. Vermutlich zeigten sich hier jedoch die Auswirkungen der DKP-Gründung beim DFS 904: Auch wenn sich der Sender weiterhin als Stimme der KPD sah, glaubte er das Anliegen der DKP, sowie der außerparlamentarischen Opposition und der Studenten zu vertreten.[26]

Der Sender blieb bis zu seiner Abschaltung 1971 der ursprünglichen Aufgabenstellung als Geheimsender treu und vermittelte diese  stetig Mitarbeitern wie Parteiführung. Die Konspiration des Senders war hierzu eine Art Kitt, der auch eine Art Daseinsberechtigung darstellte und deshalb auch den Redakteuren ihre besondere Aufgabe immer wieder in Erinnerung rufen konnte.


 


1: vgl. Fricke, S.474 f.; vgl. Helmut Bergmann: Freiheitssender – und Soldatensender – eine deutsche Episode. In: Funk Amateur 4-01, S. 376 f.; vgl. auch Feature DLRADIO.

2 vgl. Scheer, Roter Schwarzfunk, S. 18. Scheer nimmt Bezug auf einen Artikel in einer Kurzwellen Klub-Zeitschrift, in der sich ein Hörer in Brake/Unterweser zu diesem Thema äußert.

3 Dieser Hinweis stammt von Helmut Bergmann.

4 laut Interview mit Adolf und Christa Broch. Christa Broch stellte allerdings eine Ausnahme dar: Sie kam als Mitglied der FDJ zum Sender, wurde nach zwei Jahren in die SED aufgenommen, um darauffolgend aus Proporzgründen zwischen Arbeiter und Angestellten wieder ausgeschlossen zu werden.

5  vgl. ebd.

6 vgl. Gerd Scharnhorst: „904“ ruft Steckenpferd. Nicht aus Westdeutschland, sondern aus Ost-Berlin – Pirat auf Funkwellen. Die WELT vom 14.08.1960. (SAPMO-BArch BY1/2303–ohne Blattzählung)

7  vgl. Priess, S.282.

 8 SAPMO-BArch BY1/2312. 28. 04.1960. Das Zahlenverhältnis läßt jedoch kein Rückschluß auf die Gewichtung der SED zu, da diese hauptsächlich die technische Seite stellte.

9  vgl. ebd. 20.10.1958.

10 ebd.

11  vgl. SAPMO-BArch BY1/2312 vom 28.04.1960.

12  vgl. Priess, S.283.

13 vgl. SAPMO-BARCH BY1/2312 vom 20.3.1958.

14  vgl. ebd. BY1/2600 Sitzungen des PB der KPD, keine Blattzählung. 19.9.1962.

15 vgl. Unsere Zeit (UZ) 20.4.2001. http://www.unsere-zeit.de/3316/s0202.htm. Carlebach äußerte sich nie öffentlich zu seiner Arbeit beim DFS 904.

16 Dies teilte mir Adolf Broch im Interview mit: „Die Parteiführung ging immer davon aus, daß der `liebenswerte Halunke` Alleingänge macht. Deshalb konnte er nicht da Chef sein, obwohl er im Grunde genommen die größte Autorität hatte.“

17 vgl. Wer war wer in der DDR? S. 400f.; vgl. SAPMO-BArch DY30/ J IV 2/2/661, Blatt 6. Politbüro Sitzung der SED 37/59 vom 28.7.1959. Adolf Broch konnte sich nicht erinnern, Jungmann beim Sender gesehen zu haben und vermutet auch eine Art Wiedergutmachung.

18 vgl. Priess im DeutschlandRadio.

19 Dies teilte mir Adolf Broch mit.

20  Genosse Heinz (vermutlich Heinz Priess) in der Parteiversammlung vom 11.7.1959. SAPMO-BArch BY1/2312.

21 vgl. SAPMO-BArch BY1/2312.

22 vgl. DeutschlandRadio; vgl. Klarnamen-Schlüssel in Findbuch SAPMO- BArch BY1/Band2/S.280-283. Adolf Broch teilte mir mit, daß man sich die Namen selber aussuchen konnte.

23 Heinz Priess auf der Parteiversammlung vom 9.11.1957. SAPMO-BArch BY1/2312. Die Diskussion ging u.a. über die Arbeitsbedingungen. Viele der Mitarbeiter wohnten quasi hauptsächlich im Objekt, was natürlich auch zu Reibereien führte.

24 vgl. ebd 11.7.1957.

25 so Adolf Broch im Interview. Auch Heinz Priess äußerst sich dazu, daß insbesondere die Vorgänge in der CSSR eine starke Belastung bei der Erklärung der KPD-Linie darstellten. vgl. Priess, S.305.

26 Thomas (Erich Glückauf) in der Vorlage über die Bedeutung, Rolle und Aufgaben des Deutschen Freiheitssenders 904 vom 24.11 1968. SAPMO-BArch BY1/2927, Politbüro der KPD.


Konspiration:

1  vgl. Priess, S.276.

2 vgl. Wer war Wer in der DDR? S.557.

3 vgl. Priess S. 277. Es ist jedoch durchaus möglich, daß der Beschluß deswegen im SAPMO-BArch nicht aufzufinden war, weil es sich um eine reine Verabschiedung einer protokollarisch nicht näher erläuterten Vorlage in den Akten des PB der SED handelt.

4 vgl. ebd.

5 laut Interview mit Adolf u. Christa Broch.

6 SAPMO-BArch DY 30/IV 2/9.02/5/ Blatt 142.

7 vgl. Wer war Wer in der DDR?, S.808.

8 vgl. Priess, S. 279; 282. Allgemein läßt sich über die finanzielle Ausstattung über diese Information hinaus, wie auch schon zuvor angemerkt, nichts feststellen.

9  vgl. SAPMO-BArch DY30/ IV 2/6.05/81 Blatt 6-11.

10  vgl. Priess, S.281.

11 ebd. S.282 f.

12 SAPMO-BArch BY1/2927. Thomas (Erich Glückauf): Vorlage über die Bedeutung, Rolle und Aufgaben

 



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