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Dokumentationsarchiv zur Erforschung der Geschichte des Funkwesens
und der elektronischen Medien
(Internationales Kuratorium QSL Collection)

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Der Deutsche Freiheitssender 904

Infrastruktur
Programm
Reaktion
Das Ende
Historische Bewertung, Literatur & Quellen

 

Reaktionen

 

Wirkung des DFS 904 – Hörerreaktion und Einflussnahme von außen

Unzweifelhaft ist eine Beeinflussung der BRD durch die Sendungen des vermeintlich geheimen DFS 904 erreicht worden. Möchte man diese jedoch beschreiben, bedarf es vorab wiederum einiger Überlegungen zu den Quellen, anhand dies geschehen soll. Wie sind die Rückmeldungen zu den Programmen von verschiedener Seite aus zu gewichten?

Von offizieller Seite der BRD ist nur wenig aufzufinden gewesen. Indirekt jedoch zeigt das eifrige Transkribieren der Sendungen, daß man in den BRD-Staatsorganen durchaus wissen wollte, welcher Inhalt über den DFS 904 gesendet wurde. Ob Reaktionen von staatlicher Seite der BRD auf Sendungen des DFS 904 Auswirkungen in der inhaltlichen Gestaltung der Sendungen hatten, kann jedoch so gut wie ausgeschlossen werden. Der Sender hätte dies auch eher als weiteren Ansporn auf seinem inhaltlichen Weg aufgefaßt. Diese Reaktionen sind auch eher auf einer höheren Ebene zu bewerten. Als sich Ende der 60er Jahre die beiden deutschen Staaten annäherten, war auch für den DFS 904 mit seinen unbequemen Programmen kein Platz mehr.

So sind Reaktionen von staatlicher Seite der DDR aus als zu bewertende Steuerinformation schon deshalb wichtiger, da der Sender auch in deren Machtgefüge agierte. Hier sind einige Dossiers erhalten, die einen guten Einblick in die Auffassung des DDR-Staatsapparats zum DFS 904 enthalten.

Ein weiterer Komplex im Feedback, das der Sender bekommen hat, sind Hörerreaktionen. Diese sind allerdings nur auf wenige Jahre beschränkt, da der Sender erst in den letzen Jahren ab 1967 eine Postfachadresse in Wien bekannt gab.

Die interne Bewertung und der Umgang mit der Hörerpost lassen jedoch gute Rückschlüsse zu. Ergänzend kann man Berichte von illegalen westdeutschen KPD-Gruppen hinzufügen, die zur Anfangsphase des Senders der Parteileitung ihre Auffassung über die Programme des Sender zukommen ließen.

Ein letztes Kapitel im Wirkungskomplex wird der öffentlichen Meinung in Westdeutschland zu widmen sein. Das Zeitungsarchiv des DFS 904 über Artikel zum Sender in der westdeutschen Presse kann ebenfalls gut bei einer Bewertung mit einbezogen werden. Grundsätzlich muß jedoch auf die Empfangsbedingungen des DFS 904 vorab eingegangen werden, diese waren natürlich wichtigste Vorraussetzung zu einer Massenwirksamkeit. Hierbei mangelte es jedoch schon gewaltig. Zwischen zwei starken Sendern aus Mailand und London eingequetscht verursachten die Sendungen des DFS 904 in vielen Regionen des Hauptzielgebietes BRD ein nervtötendes Pfeifen, welches durch die Überlagerung der Modulation mit den benachbarten Sendern zustande kam. In der Mitte und im Süden der BRD war der Empfang sehr dürftig, ebenso im Ruhrgebiet. Lediglich im Norden der Republik und natürlich in der Reichweite der Bodenwelle, also der direkten Welle des Senders, war der Empfang gut.[1] Seltsamerweise war in den Urlaubsgebieten Italiens der Empfang besser und der Sender war stärker als der im Norden stationierte Sender Mailand, wie Urlauber dem DFS 904 berichteten.[2] In Berlin war der Empfang des Senders auch nur unter erschwerten Hörbedingungen möglich, vermutlich einer der Hauptgründe, warum nicht häufiger Programmanalysen von SED-Seite angefertigt wurden. Es war den Genossen der SED vermutlich einfach zu mühsam, sich dem Pfeifen auszusetzen, um die Sendungen abzuhören. Nur bei einem der seltenen Ausfälle des Senders Burg wurde ersatzweise der Sender Königs-Wusterhausen angeschaltet, damit die Sendung nicht ausfiel. Dies ermöglichte dann zur Freude der in Berlin wohnenden Redakteure einmal guten Empfang des DFS 904.[3]Die KPD-Führung reagierte auf diese schlechte Ausgangsbasis für eine große Wirksamkeit des Senders, wenn auch vergebens. Nachdem sich Beschwerden der westdeutschen Genossen, insbesondere aus Bayern , Süd-West, Niedersachsen und besonders Rheinland-Pfalz, über die schlechten Empfangsmöglichkeiten häuften, beschloß das KPD-PB Vorschläge für die Verbesserung des Empfangs u.a. direkt an Walter Ulbricht anzutragen.  Die insgesamt drei Vorschläge, weitere Sendeanlagen auf 904 kHz dazuzuschalten, einen anderen Strahler, z.B. des Deutschlandsenders, der in der BRD besser zu empfangen war, anstatt des in Burg befindlichen zu benutzen oder sogar UKW-Sendungen einzurichten, wurden jedoch nicht realisiert.[4]Allerdings waren die Vorschläge auch nicht besonders hilfreich, da der Empfang vorrangig ein Problem der Frequenz und nicht der Strahler war, sowie UKW-Sendungen nur sehr eingeschränkt in der BRD zu hören gewesen wären. Dies minimierte schon einmal die mögliche Wirksamkeit des Senders, jedoch riefen die Sendungen Reaktionen in den staatlichen Stellen hervor, die ursächlich mit dem Inhalt der Programme zu tun hatten.

REAKTIONEN DER STAATLICHEN SEITE 

 -  in der BRD

Der Deutsche Bundestag beschäftigte sich ab 1960 mehrmals mit dem DFS 904, entweder bei kleinen Anfragen im Zusammenhang mit den Rundfunkausstrahlungen der DDR in Richtung Westen, oder bei Debatten zwischen Regierung und Opposition, in der der Sender als Ursprung irgendeines Gerüchts genannt wurde.

In der Spiegel-Fragestunde im Bundestag am 8.November 1962 erklärte der damalige Bundesminister für Verteidigung im Zusammenhang mit dem Vorwurf, daß einige der Gutachter bezüglich einer Bewertung des Nachrichtenmagazins ehemalige SS-Führer seien:

„Ich habe auch festgestellt woher eine solche Behauptung stammen könnte. Wir haben umfangreiches Material geprüft. Wir sind dabei darauf gekommen, eine Propagandaquelle, nämlich der Sender 904 vor kurzem einen Gutachter, einen Oberstleutnant angegriffen, ihn als SS-Führer bezeichnet und dagegen Stellung genommen hat, daß ein solcher SS-Führer als Sachverständiger vor Gerichten aufgetreten sei.“[5]

Der Sender schien für Strauß eine gewisse Wichtigkeit zu haben, wie auch aus einer außenpolitischen Debatte des Bundstags vom 25.2.1970 hervorgeht:

Strauß: „Man kann doch nicht erwarten, daß es so nebensächliche Stimmen wären, wenn Herr Honecker spricht, wenn Herr Spychalski spricht, wenn der Sender 904 spricht. Das sind doch nicht, das sind doch nicht freiheitliche Organe, in denen die vom Recht der Pressefreiheit Gebrauch machenden Redakteure ihre private Meinung ausdrücken, aber wenn der Sender 904 vor wenigen Tagen hohnlächelnd erklärt, man soll nicht immer von Ausloten reden, man soll endlich einmal so zu sagen Butter bei die Fische, würden Sie sagen, Herr Wehner. Man soll endlich einmal Farbe bekennen, ob man bereit ist, die Realitäten anzuerkennen. Das Gerede von ausloten, sondieren und explodieren das hätte überhaupt keinen Sinn mehr. Die Karten lägen ganz klar auf dem Tisch. So oder oder, das wäre die einzige Alternative.“

Zwischenruf von Herbert Wehner: „Für die nächste Woche haben die wieder Stoff, Herr Strauß“.

Strauß: „Ja“[6]

Wehner selbst, in Funktion des Bundesministers für gesamtdeutsche Frage, schien dem Sender ebenso eine Rolle beizumessen und benutzte ihn im Bundestag bei einer Rede als Beispiel bezüglich der Wortwahl der Opposition: Die „Gegenseite“ verwende eine ähnliche Wortwahl, man höre dies auch beim Sender 904.[7]

Das Auswärtige Amt sah sich 1966 mit einer Anfrage des italienischen Parlamentsabgeordneten Franco Pezzino konfrontiert, in der dieser nachfragte, ob es richtig sei, daß der Volkswagenkonzern plane, 2000 italienische Gastarbeiter zu entlassen. Diese „Massenentlassungen“ seien durch 904 propagiert worden, wie der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes in seinem Antwortschreiben an das italienische Parlament versicherte. 904 hatte den italienischen Abgeordneten mit der für den Sender typischen Vorgehensweise verwirrt. Laut Aussage des Auswärtigen Amtes hätten viele der Italiener auf eine Verlängerung ihres Arbeitsvertrages verzichtet oder seien nicht mehr auf der Arbeit erschienen. Vom Sender wurde dies natürlich anders dargestellt.[8]

Auch die Bundeswehr reagierte auf die ständigen Zersetzungsversuche des Senders und informierte in regelmäßigen Abständen ihre Soldaten. Vermutlich war man sich eben doch nicht darüber sicher, wie stark die Sendungen bei den Soldaten Wirkung zeigten. Daher wurde den Soldaten neben den Aufgaben des Senders die demokratische Grundordnung der Bundesrepublik zu untergraben, der Zweck der Beeinflussung in der Sendung für die Bundeswehr erläutert. Es gelte für den Sender die Kampfkraft der Bundeswehr zu schwächen und „sie bei den Partnern als Rache-Instrument vertrauensunwürdig zu machen.“ Den Soldaten werde suggeriert, eine Verteidigung machen überhaupt keinen Sinn, daher sei Desertion ein guter Ausweg. Erreicht werde dies zusätzlich durch die Verleumdung der Bundeswehrführung und die vielen Darstellungen von Unfällen, Schikanen und der Behauptung, die Bundeswehr bilde für den Atomkrieg aus. Immer wieder werde betont, die BRD plane den Angriffkrieg. In den Programmen entstehe dies besonders durch „kunterbuntes Mischen“ von Faktoren wie „Übertreibung, Verleumdung, Verdächtigung, Auslassung und Appelle an das Gefühl“, klärte man die Soldaten auf.[9] Der gleiche Wortlaut wurde den Soldaten der Bundeswehr auch in den „Informationen für die Truppe“ präsentiert, unter Betonung, daß der Sender eben nichts mit dem Begriff „Freiheit“ zu tun habe.[10]

Ein im Bundeshaus in Bonn ansässiger „Industriewarndienst“ übernahm eine ähnliche Funktion für die BRD-Wirtschaftsunternehmen. Veränderungen in der Vorgehensweise des DFS 904 wurde an die Mitglieder weitergeben. Der Sender habe  unter Benutzung fingierter Adressen bei westdeutsche Firmen angerufen und ihnen Werbezeit angeboten. Dies habe jedoch nur den Zweck, die Hörerzahl des Senders zu steigern. Tatsächlich gebe es höchstens Werbebotschaften nach dem Beispiel „Peter Stuyvesand – der Duft der großen, weiten Welt. Welch ein Gegensatz zum kleinliche  Mief der Hall-Stein-Doktrin (904 am 11.7.65)“ zu hören.[11]

Schließlich können noch zwei kleinere Vorgänge im Bundesinnenministerium Auskunft über die Einschätzung der DDR-Agitation in Richtung BRD geben, die den DFS 904 mitberücksichtigten.

In einer kleinen Anfrage der Fraktion der FDP vom 7. Juni 1961 wurde der damalige Innenminister Gerhard Schröder aufgefordert, Stellung zum Thema Rundfunk- und Fernsehkapazität der „Sowjetzone“ zu nehmen. Die Fraktion fragte, ob es der Bundesregierung bekannt sei, „daß die Sowjetzone mit 19 Mittelwellensendern, mit dem „Deutschlandsender“, dem sogenannten „Freiheitssender“ [...] ungestört [was beim DFS 904 nicht der Fall war, Anm. des Autors] das ganze Bundesgebiet erreicht“ und was dagegen von Seiten  der Bundesrepublik, auch rundfunktechnisch, unternommen werde.[12]

In seiner Antwort vom 14.Juli 1961 kam Innenminister Schröder zu folgender Einschätzung:

„[...] Die gegen die Bundesrepublik gerichteten Propagandasendungen des sowjetzonalen Rundfunks bedeuten eine erhebliche Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung in der Bundesrepublik. Die Bundesregierung hat diese Gefahr frühzeitig erkannt und sich seit langem bemüht, ihr wirksam entgegenzutreten.[...]“[13]

Der DFS 904 wurde im Antwortschreiben allerdings nicht explizit genannt. Dagegenhalten wollte man in Bonn mit dem neu gegründeten „Deutschlandfunk“, auch die „Deutsche Welle“ werde eine Programmaufstockung bekommen, versicherte Schröder.[14]

Dieses nach außen und für die Öffentlichkeit bestimmte Schreiben steht jedoch in seiner Aussage bezüglich der vermeintlichen Gefahr im Widerspruch mit einem zu späterem Zeitpunkt 1967 verfaßten, ausschließlich für den internen Gebrauch bestimmten Dossier der gleichen Behörde, die zu einem anderen Ergebnis kommt. Der SED-Westabteilung ist es gelungen, an eine Kopie zu kommen, die sich im SAPMO wiederfand. Darin kommt man trotz dem ständigen Versuch, u.a. durch den DFS 904, „die Bevölkerung der Bundesrepublik kommunistisch zu beeinflussen und die Bundesrepublik herabzusetzen“ und der ständigen Korrespondenz des DFS 904 mit den ausländischen Hörern im Ergebnis zu einer internen Bewertung, die dem äußern Bild doch etwas widersprach:

VI. Insgesamt konnten die deutschen und ausländischen Kommunisten auch 1966 die innere Sicherheit der Bundesrepublik nicht ernstlich beeinträchtigen“[15]

Inhaltliche Analysen des Senders waren, wie schon beschrieben, nicht aufzufinden, wären jedoch vermutlich beim Amt für Verfassungsschutz anzusiedeln. Öffentlich geschah dies aber trotzdem, nämlich in der Presse der BRD. Auf östlicher Seite aber rief der Sender bei den staatlichen Stellen ebenso einen teilweise bizarren Eifer hervor, der sich auf  Programmkritik konzentrierte.

           

       Reaktionen in der DDR

 

Begeistert wurde die Idee des DFS 904 zur Zersetzung der Bundeswehr aufgenommen bzw. von der SED vorgeben. Vermutlich auch die Popularität bei den Bundeswehr Soldaten, bei denen die Sendung hauptsächlich wegen der Musik gut ankam, entschloß sich die SED-Führung zur Installierung eines eigenen Senders, der ausschließlich auf diese Zielgruppe ausgerichtet war und fast identisch wie der DFS 904 methodisch vorging: Den Deutschen Soldatensender 935 (DSS 935). Im Gegensatz zum DFS behauptete der DSS 935 in seinen Sendungen nie aus der BRD zu senden. Zwar gab es eine Postadresse „Werner Schütz, Postfach 116, Berlin W8“, diese lag aber nicht im Westsektor der Stadt, sondern nahe des ehemaligen Reichspostamtes im Ostteil der Stadt, wie sich unter den Rundfunkhörern schnell herumsprach.[16] Der DFS 904 war wenig begeistert von der Konkurrenz, die sich von Oktober 1960 an seine Seite gesellte, mußte man sich doch die Sendeanlage mit der Station in Burg teilen, so daß keine Sendezeit mehr überzogen werden konnte. Vor Programmstart des zeitlich leicht versetzt sendenden DSS 935 mußte der Sender auf die neue Frequenz umgestimmt werden. [17]

Ende 1961 und Anfang 1962 kam der DFS 904 wegen seiner Sendungen ins Visier des Arbeitsbüros des ZK der SED und des PB Mitglieds und Initiator des Senders, Hermann Matern. Das 19 Seiten starke Dossier über den Sendezeitraum vom 27.11. bis 17.12.1961 wurde u.a. an Ulbricht, Norden und Reimann verteilt.[18] Es wurde darin massiv die Argumentationsweise des Senders kritisiert, diese sei vom Klassenstandpunkt her gesehen zu schwach. Inhaltlich wurde nach Meinung Materns der XXII. Partei der KPDSU in Teilen argumentativ verwässert und falsche Schlußfolgerungen gezogen bzw. gar nicht in Bezug auf Westdeutschland kommentiert:

„Der Verzicht auf die Verbindung der Darlegung der Probleme des XII. Parteitages mit einer ideologischen Auseinandersetzung über die in Westdeutschland wirksamen feindlichen Argumente ist ein ernster Mangel in der Arbeit des Senders.“[19]

Auch seien viele Kommentare des beobachteten Zeitraumes losgelöst von der Parteitagslinie vorgetragen wurden. Es wurde so z.B. bei einem von der sowjetischen Delegation in Genf vorgeschlagenen

„sofortigen Atomversuchsstop nicht von der Generallinie des XXII. Parteitages aus argumentiert. Der Sender will vielmehr mit gegnerischen westlichen Pressestimmen die Richtigkeit der Politik der Sowjetunion beweisen."

Am 28. 11. 1961 wird zum selben Problem direkt falsch argumentiert, die auf dem XXII. Parteitag gegebene Linie wird verwässert. So wird die allgemeine und vollständige Abrüstung nicht wie im Programm der KPDSU als "der radikalste Weg zur Gewährleistung eines dauerhaften Friedens" dargelegt und erläutert, sondern als die Gretchen-Frage" bezeichnet, d.h. sie wird als "Probe auf die Ehrlichkeit" der Imperialisten behandelt, statt als Kampfaufgabe auch der Arbeiterklasse Westdeutschlands gegen den westdeutschen Imperialismus, gegen seine atomare Bewaffnung.

Die Bemerkung, was das "Gleichgewicht des Schrecken" bedeute, "davon haben uns die letzten sowjetischen Kernwaffenversuche einen Vorgeschmack gegeben", kann vom Hörer als gegen die Sowjetunion gerichtet verstanden werden, weil er aus der Sendung entnehmen kann, die Sowjetunion habe das "Gleichgewicht" gestört und damit die Westmächte zum Nachziehen veranlaßt.“[20]

Der Sender mache sich viele richtige Argumentationslinien durch weitere Meldungen im Laufe des Programms kaputt, da Meldungen und Kommentare nicht in einer einheitlichen Linie gebracht werden.  Als Beispiel führte Matern die Nachricht vom 6.12.1961 an, daß die Bonner Regierung sich weigere, „den Rentner ein Weihnachtsgeschenk auszuzahlen“. Dieses würde

richtig im Zusammenhang mit den wachsenden Aufrüstungskosten gebracht."

Aber zugleich wurde berichtet, daß auf der Tagung des obersten Sowjets der UdSSR der Verteidigungshaushalt um 3, 14 Milliarden Rubel erhöht wurde. Dem Hörer drängte sich unweigerlich der Gedanke auf, "daß sowohl in Westdeutschland wie in der Sowjetunion im Grunde genommen das gleiche vor sich geht."[21]

Besonders großen Umfang nimmt die Kritik an der mangelnden Motivation ein, die der Sender bezüglich der Mobilisierung der westdeutschen Arbeiterklasse einnähme. Der Sender riefe lieber westdeutsche Politiker auf, etwas zugunsten der Arbeiterklasse zu unternehmen, als selbst zum aktiven Handeln der Arbeiter hinzuleiten.

Mit diesem Appell an die bürgerlichen Politiker werden der Arbeiterklasse und sogar den Kommunisten die Rolle und die Aufgaben zugewiesen, im Nachtrab bürgerlicher Kräfte zu marschieren, der Arbeiterklasse wird nicht bewußt gemacht, daß sie die führende Kraft des nationalen Kampfes sein und vor allen selbst aktiv handeln muß, um eine Politik der friedlichen Koexistenz durchzusetzen.“[22]

Matern kritisiert diese geförderte Passivität auch an mehreren anderen Punkten. So ist die rhetorische Frage des Senders an seine Zuhörer im Zusammenhang mit einer weiteren Aufrüstung der Bundeswehr „Glaubt etwa irgend jemand, die Russen werden tatenlos zusehen?“ seines Erachtens falsch, da es nicht vor allem „Sache der „Russen“ sei, zu verhindern, daß die Bonner Ultras Raketenwaffen in die Hand bekommen“[23] Zu den Sendungen für die Bundeswehr wurde die grundsätzliche Austauschbarkeit der Armeen der beiden deutschen Staaten in den Programmen des DFS 904 kritisiert, da hier besonders der klassenmäßige Standpunkt fehle.

„z.B. wird im Beitrag vom 11.12.1961 u.a. zu den Befehlen und ihrer Ausführung im Zusammenhang mit dem Eichmann Prozeß Stellung genommen. Der Judenmörder Eichmann hat sich damit verteidigt, er habe Befehle ausführen müssen. In der Sendung heißt es dazu: "Eichmanns Argumente - das sind auch die Argumente der Generale und Offiziere in den Stäben der Bundeswehr" ; auch diese antworten auf die Frage, ob sie "einen gesetzwidrigen Befehl auch heute ausführen würden"...,dann: "Befehl ist Befehl, und der muß ausgeführt werden".

Hier wird völlig außer Acht gelassen, den Soldaten zu erklären, daß die Kommunisten nicht grundsätzlich gegen Befehle und ihre diskussionslose Durchführung sind. Der Sender muß doch den Soldaten verständlich machen, welchen Interessen die Befehle der westdeutschen NATO-Generale und welchen Interessen dagegen die Befehle der Nationalen Volksarmee dienen.

Der Sender argumentiert jedoch nicht klassenmäßig. In keinem Beitrag wird von dem grundsätzlichen Unterschied zwischen der Bonner NATO-Armee und der Nationalen Volksarmee in der DDR gesprochen. Daher kann die Argumentation des Senders bei den Bundeswehr-Soldaten nicht wirken, bzw. kann vom Gegner sogar ausgenutzt werden, um uns bei den Soldaten unglaubwürdig zu machen.

Das trifft z.B. auf die Argumente des Senders gegen das Offizierskorps der Bundeswehr zu, wie "Eure Offiziere haben bessere Verpflegung, sie verdienen mehr Geld, haben bessere Unterkünfte" usw. Manöverunfälle oder Schlägereien werden sensationell aufgebauscht; es wird gegen den militärischen Drill gewettert, die Soldaten werden zum "Kurztreten" bzw. zur Befehlsverweigerung aufgefordert, ohne bei all dem auf den Klassencharakter von Armeen oder ähnliche prinzipielle Fragen einzugehen.“[24]

Beschwert hatte sich auch die Führung der Nationalen Volksarmee (NVA) über die Sendungen des DFS 904. Heinz Priess erinnerte sich ebenfalls an ein Treffen in Frankfurt/Oder, wo er vom damaligen Verteidigungsminister Heinz Hoffmann zur Seite genommen wurde und eindringlich ermahnt wurde, die Soldaten der NVA nicht weiter „verrückt“  zu machen.[25] Die NVA konnte schon  trotz Verbots das Hören des DFS 904 nicht verhindern, so sollte wenigstens der klassenmäßige Standpunkt eindeutig sein.

Wie Matern den Sender jedoch sah, zeigt sich in einer Art Fazit des Berichts, der die Analyse zum Wortprogramm des Senders abschließt:

Wenn man von den Anforderungen angeht, die Lenin an die marxistische Presse stellt, so kann man sagen, daß der Sender auf dem Gebiet der Agitation noch relativ am besten arbeitet, während er seine Rolle als kollektiver Propagandist und als kollektiver Organisator ganz unzureichend erfüllt. Gerade die Sendungen für die KPD sind viel zu wenig darauf gerichtet, wirklich die Parteiarbeit zu verbessern.

Der Sender wird seiner wichtigsten Aufgabe, wirkungsvolles Instrument der Parteiführung zu sein, das schnell und prinzipiell die Beschlüsse und die Politik der Partei und der internationalen revolutionären Arbeiterbewegung erläutert und auf dieser Grundlage den Kampf gegen den westdeutschen Imperialismus und Militarismus organisieren hilft, nicht gerecht.“[26]

Matern ließ es sich jedoch nicht nehmen, auch das Musikprogramm des Senders grundsätzlich zu kritisieren. Abgesehen hatte es der schon etwas ältere Matern dabei besonders auf Schlagersänger, wie z.B. Bill Ramsey, dessen „Ami-Masche“ er als „Verschandelung der Sprache in Richtung Amerikanismus“ empfand. Auch der Einzug des Rock’n Rolls im Programm war für das PB-Mitglied Matern eine „Verfallserscheinung“. Wenn auch einige der Titel, in denen nur die „Liebe“ besungen wurde, für ihn noch akzeptabel waren, kritisierte er die Verwendung dieser westdeutschen Schallplattenproduktionen als nicht annehmbar, da „deren bestimmender Teil ein Bestandteil der politisch-ideologischen Maschinerie des westdeutschen Imperialismus ist“. [27]  

Der damals 68jährige Matern wußte aber auch die Alternative zu dieser Musik aufzuzeigen:

„Das Musikprogramm sollte in der Richtung geändert werden, daß der ganze Reichtum der wirkungsvollsten Musik aller sozialistischen Länder ausgenutzt wird. Zum Beispiel war das Moissejew-Ensemble aus der Sowjetunion in Westdeutschland sehr beliebt. Darum kann man durchaus die besten sowjetischen Lieder, Märsche , Walzer usw. spielen, ebenso andere wirkungsvolle und populäre Musikstücke aus den anderen sozialistischen Ländern, die besten Schlager aus der DDR, die schönsten Lieder aus Kuba, die gleichzeitig Schlager sind[...]“[28]

So tauchte als eine der Schlußfolgerungen der Punkt auf, in dem der DFS 904 aufgefordert wird, das Musikprogramm in diese Richtung zu ändern.[29] Die uneinheitliche Linie in der Argumentation des Senders läge u.a. auch daran, „daß der Sender von verschiedenen Kommissionen fertige Beiträge erhält“.[30] Er forderte zudem die Sendeleitung auf die Kaderpolitik des Senders so zu ändern, daß der Sender qualitativere politische und ideologische Sendungen bringen könne. Schließlich habe die Redaktion des Senders die Verantwortung, von Kommissionen eingebrachtes Material in eine einheitliche politische Linie zu bringen. Um diese Fähigkeiten zu fördern, bedarf es als weitere Konsequenz einer besseren Schulung der Mitarbeiter. Außerdem forderte Matern eine besondere Redaktionsabteilung für Propaganda der SED, die ausführlich Berichte über den sozialistischen Aufbau der DDR  berichten sollte. Dies könne auch mit Kräften geschehen, die von der SED zur Verfügung gestellt werden müßten.[31] Vermutlich war dieses Dossier nur eines von mehreren, andere sind jedoch in den Akten nicht aufzufinden gewesen. Priess erinnert sich, daß er von Zeit zu Zeit ins ZK der SED zitiert wurde, wenn mal wieder jemand die Sendungen des DFS 9ß4 analysiert hatte, dies war jedoch nicht regelmäßig der Fall.[32]

Tatsächlich änderte sich nicht nur beim Sender die Kaderstruktur in den darauffolgenden Monaten, sondern bei der KPD insgesamt. Viele der Redakteure des Senders bekamen laut einer Vorlage für Max Reimann vom 11.4.1962 in ihrer Parteiarbeit Regionen oder Sachthemen in Westdeutschland zugeordnet, über deren Vorgänge sie sich besonders kümmern sollten.[33] Beim Sender änderte sich das Kollegium im Herbst des Jahres, wie schon in einem der vorherigen Kapitel beschrieben.[34] In den folgenden Jahren wurden weitere „Anregungen“ Materns verfolgt.  1965 befaßte sich eine spezielle Gruppe aus Leuten des PB der KPD „im Interesse der schnellen, konkreten Anleitung der Partei für die Zeit des Wahlkampfes“ mit der täglichen Argumentation des Senders.[35] Schulungen der Redakteure lassen sich nur an einem Beispiel nachweisen: Ende 1968 sendet das Politbüro zwei der Redakteure  zu einem halbjährigen Lehrgang für 1969 nach Moskau.[36]

Musikalisch schien sich jedoch beim Sender nichts zu ändern, was auch ein vollständiger Mitschnitt vom 1.Mai 1966 beweist. Hier zeigte sich nur zu  offensichtlich das Dilemma, in der die SED-Führung sich befand. War es bei der NVA einfacher ein Hörverbot auszusprechen, so sah es mit der Jugend um so schwerer aus, zumal bei Mittelwellenempfang nicht  einfach wie bei UKW–Empfang Antennen vom Dach verbannt werden konnten. Am 2. August beschrieb das Flensburger-Tageblatt die Situation. Insbesondere Radio Luxemburg wurde demnach von der mitteldeutschen Jugend regelmäßig eingeschaltet. Ein Verbot, diesen in FDJ-Heimen zu hören, führte laut Artikel nur dazu , daß sich die Jugendlichen nicht mehr in den Heimen trafen, sondern eben zu Hause Luxemburg einschalteten. Die SED behauptete, der Sender habe eine „unrühmliche Tradition“ als Soldatensender im zweiten Weltkrieg „psychologischen Krieg im Äther praktiziert.“ „Vor lauter Hulamädchen, Kokosinseln und Liebe“ vergesse der Hörer in Meinung der SED, daß dahinter die unbarmherzige Fassade des Atomkriegs stehe, schrieb das Tageblatt

„Zweck und Ziel der Musiksendungen sei es, wie der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Leipzig, Paul Fröhlich, kürzlich erklärte, die Jugend gefühlsroh, willenlos zu machen, anarchistisch zu beeinflussen, so daß sie am Ende beim Kult des Massenkillens anlangt [...]“

Die Zeitung fand daher die Verteidigung der Jugendlichen sehr geschickt, auf den Freiheitssender hinzuweisen, der ja von der SED-Führung so gelobt werde, aber die gleiche Musik bringe. Formal gab die Führung den Jugendlichen recht, jedoch sei der Sender kein Sender der DDR und sende die Musik für das westdeutsche Publikum. Da die Jugendlichen die mitteldeutschen Schlager der „Sowjetzone“ als Schnulzen empfanden, da „ständig von Traktoristinnen und FDJ-Mädchen die Rede sei“ und die Propaganda des DFS 904 nicht gut ankäme, schalteten die Jugendlichen auch weiterhin Luxemburg ein, beendete das Flensburger–Tageblatt seinen Artikel.[37]

Die westdeutschen Zeitungen beschäftigten sich regelmäßig mit dem DFS 904 und können daher gut in eine Beurteilung des vermeintlichen  Geheimsenders in seiner Wirkung mit einbezogen werden.  Aber auch in Ostdeutschen Zeitungen tauchte der „einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht“ von Zeit zu Zeit auf, wenn natürlich auch unter anderen Absichten.

 

    Das publizistische Echo in Ost – und West

 

Das publizistische Echo beschränkte sich in den DDR Zeitungen und Zeitschriften nämlich rein auf die Funktion des Senders. Die wenige Anzahl von Zeitungsartikeln aus der DDR im Archiv des Senders ermöglichen zwar nicht eine exakte Bestimmung, lassen aber durchaus Rückschlüsse durch ihre Aufmachung und Inhalt zu.

Im offiziellen SED-Organ Neues Deutschland tauchte der Sender nur im Zusammenhang mit vermeintlichen Enthüllungen des Senders auf. Der DFS wurde in diesem Zusammenhang nur als Schlagzeile erwähnt: „Der Deutsche Freiheitssender 904 enthüllt...“, danach folgte die Standard ADN-Meldung. Als Beispiel kann eine Meldung  im Zusammenhang mit dem in Israel 1960 stattgefundenen Prozeß gegen Adolf Eichmann aufgezeigt werden, diesmal im Regionalblatt Berliner Zeitung:

 

Bonn bangt um Eichmann – Deutscher Freiheitssender 904 enthüllt Mordpläne

Düsseldorf (ADN/BZA). „Es ist mit allen Mitteln zu verhindern, daß ein öffentlicher Prozeß gegen Eichmann stattfindet, gegebenenfalls muß Eichmann vor Prozeßbeginn im Gefängnis sterben.“ Diesen Geheimplan Bonns enthüllte gestern der „Deutsche Freiheitssender 904“.

Bundespressechef von Eckhardt bestätigte gestern indirekt die Absicht und erklärte, es wäre „nach Ansicht der Bundesregierung wünschenswert, wenn Eichmann vor ein westdeutsches Gericht gestellt würde. [...][38]

 

1960 wurde der Sender dann noch in einem weiterem Zusammenhang in der DDR-Presse erwähnt. Die schon zuvor erwähnte Problematik für die DDR-Führung, daß immer mehr Jugendliche den DFS 904 wegen der Musik einschalteten, wurde mit einer Art Aufklärungskampagne begegnet, die dem Vorwurf der Ähnlichkeit zwischen Radio Luxemburg und dem DFS 904 begegnen sollte. Das ND berichtete am 4.8. 1960 von einem angeblichen Gespräch zwischen Lehrern und Schülern über dieses Thema. Viele FDJler gaben demnach zu, Radio Luxemburg zu hören, aber bei den Wortbeiträgen abzustellen. In einem Dialog wurde daraufhin in der Zeitung die Unterschiede der beiden Sender herausgearbeitet.  Aus angeblich eigener Transferleistung zeigten die Schulkinder auf, wie Radio Luxemburg analog zu Zeitungen, „durch Reklameanzeigen großer Konzerne [...] korrumpiert“ wurde. Der kommunistische DFS 904 bekomme keine Reklameaufträge, da die Interessen nicht mit denen der Fabrikbesitzer übereinstimmten.

 

„Die Kommunisten sind gegen große Fabrikbesitzer, die am Krieg Geld verdienen wollen; und der Sender 904 enthüllt die schändlichen Blitzkriegpläne der Bonner Militaristen.“

„Und deshalb bekommt er auch keine Reklameaufträge, das ist doch klar!“ [...][39]

 

Im Oktober 1960 schließlich bemühten sich Joachim Herrmann als SED-PB Mitglied, Horst Schumann in seiner Funktion als 1. FDJ-Ratssekretär und der Chefredakteur der Berliner Zeitung, Dieter Kerschek im Junge Welt-Interview die zahlreichen Zuhörer in der FDJ über den DFS 904 aufzuklären und dieses Thema damit, so hoffte man vermutlich, vorerst einmal aus der öffentlichen Diskussion zu holen:

 

Frage: Welche Stellung nimmt eigentlich der Freiheitssender 904 ein und wo steht er?

Horst Schumann: Er nimmt eine ausgezeichnete Stellung ein. Wo er steht – darüber wundert sich das Amt für Verfassungsschutz heute noch. Aber damit muß es alleine fertig werden, wir helfen ihm nicht.

Joachim Herrmann: Man hört diesen Sender ausgezeichnet, und das ist die Hauptsache. Er ist der Sender der illegalen KPD, die den Menschen in Westdeutschland die Wahrheit sagt.

Dieter Kerschek: Im übrigen sind Rundfunksender ja nicht dazu da, sie anzusehen, sondern um sie zu hören.“[40]

 

Die ostdeutschen Schüler schalteten weiter ein. Hauptsächlich wegen der eigenen schlechten Tanzmusik und einer langweiligen Darbietung wurde bei Luxemburg und dem DFS 904 eingeschaltet, bemerkte die Berliner Zeitung im Juni 1961, ohne natürlich zu vergessen die Gefahr zu erwähnen, die von der amerikanischen Musik ausginge:

 

„[...]Der Musik wegen hören sie den Freiheitssender 904 gerne und akzeptieren seine fortschrittlich politischen Kommentare. Sie erkennen zwar die Kommerzialisierung des Jazz in den USA, noch nicht aber sehen sie, daß die vom RIAS und NWDR gebotene „heiße Musik“ für den kalten Krieg mißbraucht wird.[...]“[41]

 

In einer 1961 eingeleiteten Kampagne, in deren Zusammenhang Übersiedler in die DDR und ehemalige Bundeswehrsoldaten der Öffentlichkeit präsentiert wurden, benannte man auch noch einmal die Funktion des Freiheitssenders, als den Sender der „über die tatsächlichen Verhältnisse innerhalb der Bundeswehr [...], auch über ihre aggressiven Ziele“ aufklärte. Der ehemalige Soldat der Bundeswehr, Franz Bittner, dankte gegenüber der BZ dem Freiheitssender für die „objektive Aufklärung“.[42] Weitere Übersiedler in die DDR sprachen von Arrest unter Begründung „Zersetzung der Truppenmoral“, der von der Bundeswehr wegen Abhörens des DFS 904 verhängt wurde.[43] Diese Kampagne wurde noch länger im gleichen Tenor verfolgt. Betrug der geschilderte Arrest noch 10 Tage, schrieb die DDR-Presse in den drauffolgenden zwei Jahren das Abhören des DFS 904 vom kleinen Delikt zum Staatsverbrechen hinauf, daß an höchster Stelle in der BRD abgeurteilt wurde.

 

„Karlsruhe. Ein Soldat der Bonner Bundeswehr muß für 15 Monate hinter Gefängnismauern, weil er den Deutschen Freiheitssender 904 gehört hatte. Dieses Urteil, das im vergangenen Jahr das Landgericht Braunschweig verhängte, wurde jetzt vom politischen Strafsenat des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe bestätigt. Das Gericht begründete das Terrorurteil mit dem Hinweis, der Soldat habe „mit dem Osten sympathisiert“.[44]

 

Bemerkenswert ist außerdem nur noch ein Titelblatt des DDR-Satiremagazins Eulenspiegel, das sich in seiner Maiausgabe 1962 indirekt auch dem DFS 904 widmete. Auf dem Bild ist eine Alpenlandschaft zu sehen, vor der ein Bauer und seine gewichtige Gattin in einer offenen Kutsche mit eigenem Kutscher plaziert sind, die am Zaum zu einem Bauern sprechen:

 

Lassen Sie sich von diesem – äh- Freiheitssender nicht irremachen, Wastl! Die Güter der Nation, besonders die über hundert Hektar, sind bei mir in den besten Händen!“[45]

 

Die bundesrepublikanische Presselandschaft setzte sich als Zielscheibe des Senders naturgemäß ausführlicher und kritischer auseinander.

Knapp drei Wochen nach der ersten Sendung des DFS 904 berichtete die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit ausführlich über den Sender. Beschrieben wurde die Arbeitsweise des Senders mit der „bewußt ungeschulten Sprechtechnik“ und der „schmissigen Musik“. Trotz der schnellen Erkenntnis beim Hörer, daß es sich dabei um einen Propagandasender handelt, ging für den Autor ein bestimmter Reiz von der Geheimnistuerei des Geheimsenders aus.

 

„Mag der Hörer in voller Kenntnis der Tatsache, daß dieser Sender in der Sowjetzone steht, seiner Tendenz auch mit Ablehnung begegnen, viele fühlen sich dennoch im Augenblick unbewußt als Mitverschworene; genau wie Generationen ihren Karl May verschlungen haben, obwohl sie wußten, daß jene „Erlebnisberichte“ frei erfunden waren. Dazu kommt noch die gängige Musik, deren Beliebtheit in vielen Fällen sicher ausreicht, daß Hörer auch die kommunistischen Parolen in Erwartung der nächsten zündenden Nummer schlucken.“

 

Trotzdem werde der Sender bei genauerem Hinhören als ein Abklatsch des Vorbildes „Soldatensender Calais“ empfunden, so Die Zeit. Dem angeblich westdeutschen Freiheitssender fehle da doch das Geschick, ähnliche Wirkung wie sein Vorbild zu erzielen. Daß der Sender in Erscheinung treten konnte ist für Die Zeit in der Ursache des KPD-Verbots zu sehen. Laut eines SPD-Gewerkschafters sei „der Sender für die da drüben mehr wert als die ganze KPD“, wurde der Artikel beendet. [46]

Die Süddeutsche Zeitung (SZ) schrieb schon drei Tage nach dem Verbot der KPD in ähnlichem Tonfall und erinnerte an die bisher nur negativen Erfahrungen mit Parteiverbote in Deutschland. In seiner Wirkung sei der DFS 904 als viel höher im Vergleich zu den bisher „kommunistischen Blättchen“ zu bewerten.[47]Daß in der westdeutschen Presselandschaft und in den Behörden angeblich Unsicherheit bezüglich des wirklichen Standortes des Senders herrschte, zeigen weitere Artikel der SZ von 1956, in denen Anfang September vom tatsächlichen Standort Magdeburg ausgegangen wird, im November jedoch in einem Eigenbericht über den Verfassungsschutz berichtet wird, der in mehreren Bundesländern nach dem „fliegenden Sender“ suchen würde.[48] Die dem Springer-Verlag zugehörige Bild-Zeitung und die Welt nannten jedoch schon wenige Tage nach Sendestart die Nähe von Magdeburg als Sendestandort und Erich Glückauf als einen der Hauptverantwortlichen für den Sender.[49]

In den folgenden Jahren waren sich die Publizisten nicht einig über die Wirkung des DFS 904. „Die Spezialisten des Kalten Krieges wissen, daß sie trotz des teuren Senders und des geschulten Personals nur wenig Interesse in der Bundesrepublik finden“, schrieb die Saarländische Stimme der Freiheit in einer Übernahme eines in  mehreren Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Artikel. Der Autor beklagte allerdings die „Massendenunzierungen“ mit den Offiziere und Soldaten vom Sender überzogen werden und dabei mit straffällig gewordenen Nationalsozialisten gleichgesetzt werden, obwohl sie „im letzten Krieg ihre Pflicht erfüllt haben“.

Fazit des Artikels war:

„Die Nachrichtensendungen sind derart plump und albern, daß man eigentlich nur jedermann empfehlen kann, den „DFS 904“ zu hören. Er bietet die beste Veranschaulichung für die Verlogenheit der kommunistischen Propaganda.“[50]

Im gleichen Ton schrieb auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) über den Sender. Das allgemeine, „von heißer westlicher Tanzmusik“ umrahmte Programm sei „nicht aufregend“. Die FAZ regte sich auch über ungebetene Schützenhilfe auf, die durch unvorsichtige Interviews von bundesrepublikanischen Persönlichkeiten  gegenüber DDR-Journalisten entstanden sei. Im vorliegenden Fall wurde ein Interview von Ernst Rowohlt über den Sender wiedergeben, vermutlich ohne sein Wissen, aber „er hätte darauf gefaßt sein müssen. Wußte er doch, in welche Gesellschaft er sich begeben hatte." [52] Am Tage des Verboturteils des Bundesverfassungsgerichts   und gleichzeitigem zweijährigen Sendejubliäum des DFS 904 beschrieb die FAZ die Sendungen für die Bundeswehr im Vergleich zu den Versuchen der agitatorischen Zersetzung in diversen Zeitschriften als

„dürftig, weil sie sich damit begnügen, besondere Vorkommnisse, wie etwa ein Manöverunfall oder ein Gerichtsverfahren gegen ein Offizier, unter kommunistischen Vorzeichen auszuwerten. Sie versuchen nicht, die Truppe mit zutreffenden internen Informationen zum Zuhören zu verleiten. Die westlichen Alliierten haben während des zweiten Weltkrieges mit ihrem „Soldatensender Calais“ bedeutend besseres geleistet.“[52]

 

Bedenkenträger der westdeutschen Publizistik wiesen auf die teilweise Übernahme von Schlagworten hin.

Das gesamte Tagesprogramm des „Freiheitssenders 904“ ist auf den agitatorischen Kampf gegen die Bundesrepublik abgestellt. Die Nachrichten und Kommentare sind in der Regel als kommunistische Propaganda erkennbar; oftmals aber sind sie auch sehr geschickt abgefaßt, und es kommt vor, daß manche Schlagworte und Gedankengänge sich bald darauf in den Kommentaren einiger westdeutschen Tageszeitungen oder Rundfunkanstalten wiederfinden.“[53]    

 

Viel geändert hatte sich aber auch in den folgenden Jahren bezüglich der uneinheitlichen Einstellung der westdeutschen Publizistik gegenüber dem DFS 904 nicht. Der Flüchtlingsanzeiger monierte in seiner Oktoberausgabe von 1966 die „Schützenhilfe“ der Presse, die im Gegensatz zu den Flüchtlingen wohl nicht „immun“ gegenüber dem Sender sei. Der „Anzeiger“ billigte dem Sender eine „geschickte“ Frisierung der Meldungen  zu. Sicherheitshalber wurde den Lesern aber noch eine kurze Erklärung über den Slogan „Der einzige Sender, der nicht unter Regierungskontrolle steht“ mitgeliefert. Der Sender stehe durchaus unter Regierungskontrolle, „nämlich derjenigen Pankows“. In der Bundesrepublik gäbe es keine Regierungskontrolle, da die „Rundfunkstationen unabhängige Organe“ seien.[54]

Allgemein war der Ruf nach einer geeigneten Antwort auf die starke Zersetzung aus der DDR durch eigene Sendungen, wie auch im Deutschen Bundestag diskutiert wurde. Zum zehnjährigen Jubiläum des Sender Freies Berlin (SFB) schrieb die SZ über die Schwierigkeiten, die der Sender bisher hatte, dem Übergewicht der DDR-Sender gegenüberzutreten Dabei räumte der Autor der DDR sogar die schnelle Informationsverbreitung ein, die über die Sender verbreitet wurden. „Für die in den Untergrund gedrängten westdeutschen Kommunisten richteten sie sogar einen eigenen „Freiheitssender“ ein“, während dem SFB trotz Unterstützung durch den Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) ein wirkungsvoller Ausbau der technischen Anlagen versagt blieb.[55] Der nur zögerliche Ausbau der westdeutschen Sender als Gegenmaßnahme blieb jedoch aus. 1969 schlossen die „Deutsche Nachrichten“ einen Artikel leicht konstatiert mit der Feststellung:

 

„Die politisch naive Bundesrepublik hat diesen vielfältigen ideologischen Einwirkungen kaum Gleichwertiges entgegenzusetzen. Etwas positiv in dieser Richtung wirkt die Europawelle „Saar“ und eventuell die „Deutsche Welle“. Die Jugendprogramme der anderen Sender unsere Staates aber leisten vielfach der APO Schützenhilfe und helfen ihr zersetzen und aufweichen. Und die verantwortlichen Stellen sehen diesem Treiben tatenlos zu."[56]

 

Inhaltlich ging es in den 60er Jahren auch z.B. über die Sendungen für die Bundeswehr. Daß Sendungen des DFS 904 und des DSS 935 Wirkung zeigten, bezeugt ein Urteil des Bundesgerichtshofs. Der Berichterstatter der FAZ berichtete über Urteil über Soldaten der Bundeswehr, die zuerst in die DDR desertierten, dann aber wieder zurückkehrten. In den Urteilen bestätigten die Richter den Einfluß der Rundfunksendungen, denn in den Wachstuben wurde der Freiheitssender abgehört, wie während des Prozesses ausgesagt wurde. Erklärt wurde die Faszination für die „Sowjetzone“ mit der „ungefestigten Natur“ der Soldaten. Scheinbar zeigten die Aufrufe des DFS 904 Wirkung, sich „dienstliche Mißhelligkeiten“ nicht gefallen zu lassen und „einfach in die Zone abhauen“ zu können. Die milden Urteile entsprächen zwar der Rechtspflege, den Lebensumstand der Angeklagten miteinzubeziehen, jedoch könnten keine festen Maßstäbe für andere junge Menschen hergeleitet werden und keinerlei Abschreckung erzielt werden, so der Berichterstatter.[57] Eine Forderung nach einem eigenen, westdeutschen Soldatensender blieben ebenfalls ohne Wirkung, obwohl man in der Bundeswehr durchaus Bedenken über das Abhören der Sendungen des DFS 904 hatte, wie ein Leserbrief an die Welt von 1964 bezeugt:

 

„Es ist außerordentlich bedenklich, wenn man in vielen Soldatenstuben nach dem Dienst den sogenannten „Freiheitssender 904“ hört. Die Auswirkungen der ständigen mit Tanzmusik kaschierten Berieselung mit kommunistischer Propaganda – geschickt verbrämt durch bekannte Tatsachen – auf den einfachen, in seiner staatsbürgerlichen und politischen Bildung wenig ausgereiften Soldaten sind nachhaltig und sollten zu denken geben.“[58]

Schließlich lieferten sich einige westdeutsche Zeitungen mit dem Sender 904 regelrechte publizistische Schlachten. Diese hatten ihre Ursache immer dann, wenn der Sender sich einer Vorlage einer westdeutschen Zeitung bemächtigte und diese als Quelle der Information angab bzw. den Artikel zu eigenen Gunsten mit den bekannten Methoden der Übertreibung, Verfremdung und Verallgemeinerung des Zusammenhangs veränderte. Allerdings stellte dies eher die Ausnahme dar.[59]

Wie die Pressemeldungen insgesamt im kommunikationstechnischen Sinne zu bewerten sind, ist nicht einfach zu beantworten. Eine Steuersignalwirkung auf die Sendungen des DFS 904 kann nicht ausgeschlossen werden, läßt sich aber nur vermuten. Das Sammeln aller Zeitungsartikel über den Sender läßt jedoch vermuten, daß man sich durchaus Gedanken über die Wirkung machte. In der Anfangsphase läßt sich feststellen, daß die Redaktion auch auf publizistischen Wege Anfeindungen der Westpresse widersprach, zumeist über eigene Organe.[60] Dies ist später nicht mehr zu sehen, Antworten wurden direkt über den Sender gegeben. Zudem war die Grundlage der meisten Informationen der DFS 904 Sendungen sowieso die Zeitungen, die auch selbst über den Sender berichteten.

Das Interesse an „Hörerfeedback“ läßt sich erst eindeutig ab Mitte der 60er Jahre feststellen, als man eine Deckadresse in Wien als Anschrift für den Sender benutzte.

                             Hörerreaktion

 

Zuvor gab es Rückmeldungen nämlich nur über die eigene Kanäle der KPD, die von Empfangsbedingungen und Reaktion auf den Inhalt der Programme berichteten. Die Reaktionen auf Seite der SED wurden schon an anderer Stelle beschrieben, deshalb geht es in diesem Kapitel um Reaktionen des Zielpublikums.

In der Anfangsphase des Senders gingen regelmäßig Berichte der verschiedenen illegalen westdeutschen KPD-Gruppen ein. Besonders der Verband in Schleswig-Holstein kritisierte die „schräge Musik“ des Senders. Man sollte statt dessen doch einmal „einen Querschnitt durch Operette und Volksmusik senden“.[61] Die Genossen aus Nordrhein-Westfalen sprachen sogar von einer einheitlichen „Kritik gegen das Gedudel.“ Der Sender solle sich doch selbst einmal abends von 10-11 Uhr „sich dieses Gekreische servieren lassen“. Grundsätzlich wünschte man sich „qualifiziertere Argumentation.“ Dies gelte insbesondere für die Ungarn-Frage, man orientierte sich in dieser Sache deshalb eher nach dem Deutschlandsender. Dem Sender stehe doch zum gegebenen Zeitpunkt schon mehr Material zur Verfügung, als wirklich benutzt werde. [62] Der Grundtenor, der Sender mache es sich bezüglich seiner Sendungen zu einfach, läßt sich auch in den anderen Berichten der Ortsgruppen feststellen. Allgemeine Parolen wie „Die Lumpen von der SPD können wir nicht wählen“ wurden als „billig und oberflächlich“ abgetan.[63]Die uneinheitliche Argumentationsweise, in einem konkreten Fall mal für eine Streikleitung, dann mal wieder dagegen, wurde ebenso als ein Manko der Sendungen empfunden. [64]

Der Sender schien daher nach den ersten Wochen noch nicht seine Rolle gefunden zu haben und die nun verbotenen Tageszeitungen ersetzen zu können. Prallte die Kritik über die Musik des Senders auch an der Sendeleitung ab, wurden andere Vorschläge, wie einen täglichen Kommentar zu aktuellen Themen in das Programm aufzunehmen, positiv beschieden. Daß man sich Kritik stellte, wenn auch im sozialistischen Sinne, zeigten auch die Jahresversammlungen, in denen, wie schon in einem der vorherigen Kapitel beschrieben, regelmäßig Programmkritik geübt wurde. Natürlich konnten die Berichte aus den Landesgruppen keinerlei Repräsentanz bezüglich der Hörerwirkung darstellen, da diese erst zusammengetragen wurden und dann in zeitlichem Abstand an den Sender weitergeleitet wurden. Findige Hörer sendeten in der darauffolgenden Jahren z.T. Hörerbriefe an DDR-Behörden, insgesamt gingen von 1956 bis 1967 auf dieser Weise aus der Bundesrepublik 115 Briefe, aus der DDR 150 und dem Ausland 110 Briefe ein.[65] Eine direkte Hörerresonanz war offiziell erst mit der Einrichtung der Deckadresse in Wien  möglich. Am 5. Oktober gab der DFS 904 zum ersten Mal eine Adresse während der Sendung bekannt:

 

Deutscher Freiheitssender 904, Postfach 248, A-1021 Wien, Österreich.[66]

 

Die Auswertung der Hörerpost ergab in der Quantität vom Zeitraum Oktober 1967 bis Oktober 1969, daß 695 Briefen aus der Bundesrepublik und eine etwas geringere Zahl von 516 Briefen aus der DDR kamen.[67] Aus dem Ausland erreichten den Sender nochmals 158 Briefe. Aufgeschlüsselt zeigten sich weniger deutlich die guten Empfangsgegenden des Senders, als eine funktionierende kommunistische Struktur am Zielort vorhanden war, die zum Hören und Schreiben animierte. Hauptsächlich aus Niedersachsen, Nordhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Bayern meldeten sich Hörer zu Wort. Sieht man allerdings die genaue Zahl von Hörern, die 1968 aus der Bundesrepublik an den DFS 904 schrieben, mutet die Hörerzahl von 295 doch als recht gering an. Für die Hörerzahlen aus der DDR läßt sich von 1968 auf 1969 die Tendenz feststellen, daß diese stark abnahmen. Die interne Auswertung des Senders stellte fest, daß sich 25% der eingetroffenen Briefe mit politischen Themen befaßten.  Der zusammengefaßt als „Jüngere Arbeiter, Studenten und Oberschüler, Rentner und ältere Angestellte“ bezeichnete überwiegende Anteil  der Schreibenden verlangte Werbematerialen der KPD, beschäftigte sich mit aktuellen politischen Themen oder meldete sich mit persönlichen Anliegen an den DFS 904. Aus der DDR kamen größtenteils Zuschriften von Jugendlichen, die einen Musikwunsch äußerten. Man stellte „in vielen dieser Briefe [...] eine gute Haltung zu ihrem Staat“ fest.[68] Neben Bekunden man möchte der KPD beitreten kamen aber auch einige Briefe, in denen der Sender beschimpft wurde. Da wurden die Redaktionsmitglieder schon einmal als „niederträchtige Schweine“ tituliert und nachgefragt „wann wird den Geknechteten in der Ostzone eine Gelegenheit gegeben, durch freie Wahlen zu bekunden wie er leben möchte“[69] oder süffisant bemerkt, man solle doch statt immer gegen den Imperialismus der Bundeswehr mal in die Tschechoslowakei schauen, wo doch die eigenen Truppen stünden.[70]

Die Hörerpost wurde vom Sender von Anfang an als ein weiteres Feld der Agitation begriffen. Der „Beschluß über Bearbeitung von Hörerbriefen“ vom 29.11.1967 beschrieb die Arbeit mit den Hörerbriefen als „ein Teil unseres politischen Kampfes, unseres Parteiauftrages“. Vom Status des „illegalen Kampfsenders“ sei daher auch nur die Post zu beantworten, die politischen Inhaltes sei. Zur Beantwortung wurde eine einstündige Sendung Mittwochs von 21.30 bis 22.30 Uhr veranschlagt, in der ohne Nennung der Familiennamen und Adressen der Schreiber auf Wünsche in einer „gestalteten Musiksendung“ eingegangen wurde. Lediglich Briefe negativen Inhaltes sollten unter vollem Namen und Absender des Adressaten verlesen werden.[71] Die Vorlage des Beschlusses enthielt auch genaue Angaben, was mit negativen Briefen aus der DDR zu geschehen habe. Diese sollten von „Rüdiger“ ans Sekretariat gesendet werden, von wo aus sie an das ZK der SED übergeben wurden. Im konkreten Fall wurde in der Vorlage ein Brief einer Studentin aus Karl-Marx-Stadt beschrieben, „der üble Verleumdungen und Beschimpfungen enthält“. Im Beschluß wurde dann zusätzlich noch festgehalten, die Post aus der DDR „in keiner Weise“ zu beantworten. Die bisherige Praxis, nur den Namen bei Wünschen ohne das Land DDR zu nennen hatte aufzuhören, da dieses die Gefahr in sich barg „in einen bestimmten Widerspruch zu geraten mit dem, was hier der Jugend gelehrt wird“ und zudem der Hörerkreis in der DDR noch größer wird. Das Einschalten Jugendlicher aus der DDR ließe sich schließlich nicht verhindern.[72]Daß Briefe, die ans ZK der SED weitergeleitet wurden, möglicherweise auch der Staatsicherheit übergeben wurden, wollte Heinz Priess in der Erinnerung nicht ausschließen, aber auch nicht bestätigen.[73]

Interessanterweise forderte man von der Sendeleitung noch zusätzliche Deckadressen, über die Hörer den Sender erreichen könnten. Von Wien aus wurden die Briefe in immer längeren Abständen via der ZK-Abteilung „Verkehr“ an den Sender geleitet. Die eigene Sicht der Dinge über Wirkung der Sendungen ließ die Forderung nach mehr Adressen in Helsinki, Stockholm oder Rom aufkommen:

„Da der Gegner alles versuchen wird, diese Postadresse zu liquidieren und auch die Gefahr besteht, ist es notwendig, sofort Ersatzadressen zu beschaffen.“[74]

 

Zur Umsetzung dieser Forderung vom 29.11.1967 kam es allerdings in den letzten Jahren der Sendergeschichte nicht mehr. Vielmehr zeigte sich im folgenden Jahr durch die Anbahnung der Gespräche zur Gründung einer neuen kommunistischen Partei in der BRD, daß das bisherige Informationsmonopol des Senders als Stimme aller Kommunisten, insbesondere der KPD, aufzuweichen drohte. Ein legaler Status von Kommunisten in der BRD stellte zwangsläufig auch einen illegalen „Kampfsender“ in Frage. Schwerwiegend war dann für den Sender auch der Weggang vieler der westdeutschen Redakteure. Sie sollten sich zum Teil aktiv an der Mitwirkung der Sondierungsgespräche zur Gründung der DKP beteiligen .

vgl. Wilke/Sartoris, S. 296.

vgl. Interview Broch.

vgl. ebd.

vgl. SAPMO-BArch BY1/2506. PB der KPD am 20.10.1960.

vgl. DeutschlandRadio.

vgl. SAPMO-BArch BY12/2305.

vgl.ebd. 180. Sitzung des Bundestags. In: Bulletin des Presse – und Informationsamtes der Bundesregierung vom 22.Juni 1968.

vgl. ebd. Il Sottosegretario di Stato per gli Affari Esteri an Franco Pezzino. 21.9.1966.

vgl. SAPMO-BArch BY1/2303. Wehrausbildung in Wort und Bild 6/62.

vgl.ebd. BY1/2305. Informationen für die Truppe. Hrsg. vom Bundesminister der Verteidigung, Abteilung Streitkräfte. 1966. S. 554f.

vgl. ebd. BY1/2304 Ausgabe 1./10.8.1965, Nr. 21/22.

vgl. Deutscher Bundestag. 3. Wahlperiode. Drucksache 2794.

ebd. Drucksache 2969.

vgl. ebd.

SAPMO-BArch DY30/IV A2/10.02/181: Akte enthält die Studie des Bundesinnenministeriums „Die kommunistische Tätigkeit in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1966“ vom Juni 1967. vgl. insbesondere S.37; S.52;S.60.

vgl. zum DSS 935 ausführlich u.a. bei Scheer; Wilke/Sartoris; Bergmann; Fricke.

vgl. Brief Max Reimanns an Albert Norden vom 6.10. 1960: Reimann beschwert sich massiv über die Tatsache, daß der DFS 904 nicht mehr seine Sendezeit überschreiten könne, „da in dieser Zeit die sonst von uns benutzte Welle für andere Sendungen gebraucht wird. Ich halte eine solche Maßnahme, ohne uns vorher davon in Kenntnis zu setzen, für – gelinde gesagt – unmöglich.[...]“ Man konnte deshalb auch nicht eine vollständige Rede Walter Ulbrichts bringen, so Reimann. Eine Art Drohung, die jedoch bei Norden völlig abprallte. vgl. SAPMO-BArch DY30/ IV 2/2028/38 Büro Albert Norden.

vgl. SAPMO-BArch NY/4076/145 Blatt 153; Dossier in ebd. DY30/ IV 2/2028/1 Blatt 163-183.

SAPMO-BArch DY30/ IV 2/2028/1  Blatt 165.

ebd. Blatt 166.

SAPMO-BArch DY30/ IV 2/2028/1 Blatt 166 f.

ebd. Blatt 168.

ebd. Blatt 172.

SAPMO-BArch DY30/ IV 2/2028/1 Blatt 173 f.

ebd. Blatt 182; Priess, S. 293 f.

SAPMO-BArch DY30/ IV 2/2028/1 Blatt 177.

ebd. Blatt 179.

ebd.

ebd.

ebd. Blatt177.

  vgl. SAPMO-BArch DY30/ IV 2/2028/1 Blatt 180.

vgl. Priess im DeutschlandRadio.

  vgl ebd. BY1 /2582

vgl. ebd. BY 1/2600, Sitzung des Politbüro der KPD vom 19.9.1962. Beschluß über die Zusammensetzung des Kollegium bei Valentin.

vgl. ebd. BY 1/2737 Politbüro der KPD.

vgl. ebd. BY1/2928 Politbüro der KPD.

vgl. Flensburger-Tageblatt: „Radio Luxemburg und die SED. Scharfe Kampagne gegen „staatsgefährdende“ westliche Schlager. 2.August 1961. In: SAPMO-BArch BY 1/2303.

vgl. SAPMO-BArch BY1/2302, Berliner Zeitung vom 28.5.1960.

vgl. ebd. BY12303. Hubert Lembach: Kinder erwarten klare Antworten. das politische Gespräch zwischen Lehrer und Schüler. In: Neues Deutschland vom 4.8.1960.

vgl. SAPMO-BArch BY1/2303. Junge Welt vom 21.10.1960.

vgl. ebd. BY1 / 2302. Titus Tautz: Die Zehnte wurde zum Magnet. Berliner Zeitung vom 3.6.1961.

vgl. ebd. Berliner Zeitung 19.2.1961.

vgl. SAPMO-BArch BY1/2303. Friedrich Menzel: Wehrpaß? – Ich passe. Berliner Zeitung 8.2.1961.

vgl. ebd. Kurznachricht der ADN vom 4.2.1963.

vgl. ebd. Eulenspiegel 1.Maiheft 1962.

vgl. SAPMO-BArch BY 1/2303. Die Zeit vom 6.9.1956.

vgl. ebd. BY1/2302. Süddeutsche Zeitung, Das Streiflicht, 20.8.1956.

vgl. ebd. 1./2.91956;8.11.1956.

vgl. ebd. Bild-Zeitung vom 31.8.1956; Die Welt vom 4.9.1956.

vgl. SAPMO-BArch BY1/2302. Bernhard Korn: Ein Sender falscher Freiheit. Schocknachrichten, Denunzierungen und geklaute Musik vom ostzonalen Band 904. In: Saarländische Stimme der Freiheit 3, Juli 1960.

vgl. ebd. FAZ vom 8.August 1959.

vgl. ebd. Ernst Otto Maletzke: Oberst Mrochens psychologischer Krieg – die Bundeswehr als Objekt kommunistischer Zersetzungsversuche. FAZ vom 17.8.1959.

vgl. SAPMO-BArch BY1/2302. Auszug aus “Verschwörung gegen die Freiheit”. Die kommunistische Untergrundarbeit in der Bundesrepublik. Herausgegeben von der Münchener Arbeitsgruppe „Kommunistische Infiltration und Machtkampftechnik im Komitee „Rettet die Freiheit“. Tagung in Frankfurt/Main März 1960, S.11.

vgl. Flüchtlingsanzeiger 10/66, S.5.

vgl. ebd. BY1/2304. Willy Kinnigkeit: Im Funkhaus an der Masurenallee. Seit zehn Jahren steht der Sender Freies Berlin im Ätherwettstreit mit der Ostzonen-Propaganda. SZ vom 1. Juni 1964, S.3.

vgl. SAPMO-BArch BY1/2305. Paul Hartmann: Rote Hetze im Äther – keine Gegenreaktion aus Bonn. Deutsche Nachrichten vom 1.8.1969, S.4.

vgl. ebd. BY1/2302. FAZ im November 1961. Genaues Datum war nicht ersichtlich.

vgl. ebd. BY1/2304 Leserbrief von Bernd Basche, Oberleutnant zu See, Sahlenburg (Cuxhaven)

an die Welt vom 16.11.1964

z.B. Kölnische Rundschau vom 2.8.1958: Ostzonaler Sender will es besser wissen – Verhältnisse bei den KVB [Kölner Verkehrsbetriebe] in hetzerischer Weise mißdeutet – Die wirkliche Sachlage. vgl. SAPMO-BArch BY1/2302.

z.B.: November 1956 als der Sender der Gewerkschaftszeitung Welt der Arbeit widersprach, er beschäftige alte „Nazigrößen“. Dem Autor des Artikels war wohl entgangen, daß es sich um einen kommunistischen Sender handelte. vgl. SAPMO-BArch BY1/479 in Bezugnahme auf einen Artikel vom 2.11.1956.

vgl. ebd. Blatt 88;98. Bericht 9+10 vom 25.10.1956 und 1.11.1956 aus Schleswig-Holstein.

vgl. SAPMO-BArch BY1/479, Blatt 193.

vgl. ebd. Blatt 170.

vgl. ebd. Blatt 101.

vgl. ebd. BY1/1718.

vgl. ebd.; vgl. Scheer/Steffens, Roter Schwarzfunk, S. 18.

vgl. SAPMO-BArch BY1/1718.

vgl. SAPMO-BArch BY1/1718.

DeutschlandRadio Interview. Zitat aus Hörerpost.

vgl. SAPMO-BARch BY 1/1718.

vgl. ebd.

vgl. SAPMO-BArch BY1/1718.

vgl. Interview im DeutschlandRadio.

SAPMO-BArch BY 1/1718.

 


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